Vulnerable Leadership – mit der Kraft der Verletzlichkeit erfolgreich führen

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Führungspersönlichkeiten müssen unnahbar, jederzeit stark und unverletzlich sein? Diese Vorstellung von geeigneten Führungspersönlichkeiten ist nicht mehr zeitgemäß. Erfahren Sie hier, was unter Vulnerable Leadership (zu Deutsch: verletzliche Führung) zu verstehen ist, und welche vielfältigen Vorteile dieser Führungsstil mit sich bringt.

Einleitung

Nehmen Sie sich einen kurzen Moment Zeit und stellen Sie sich eine typische Führungskraft eines großen und erfolgreichen Konzerns vor. Wahrscheinlich überschneiden die Vorstellung der meisten Menschen sich in einigen Aspekten: ein selbstsicherer Mensch, der seinen Mitarbeitern stets motivierend gegenübertritt, sich durch nichts erschüttern lässt und vermeintlich zu jedem noch so großen Problem eine Lösung parat hat, ohne schwitzige Hände zu bekommen. Der Anspruch an diejenigen Menschen, die ganz oben in einem Unternehmen stehen, ist sehr hoch. Viele vertreten die Meinung, dass derjenige, der die Führung eines Unternehmens hat, sich jederzeit stark zeigen muss, um seinem Team bzw. seinen Mitarbeitern Zuversicht schenken zu können. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen – also die Fassade trotz jeglicher Widrigkeiten aufrechtzuerhalten – ist für viele noch immer ein Muss in der Führungsetage. Doch diese Vorstellung von Leadership ist überholt, das sogenannte Vulnerable Leadership (zu Deutsch: verletzliche Führung) hat hingegen signifikant positivere Auswirkungen sowohl auf den einzelnen als auch auf das gesamte Unternehmen. Im Folgenden erfahren Sie unter anderem, was genau unter Vulnerable Leadership (VL) zu verstehen ist, wie man diesen Führungsstil konkret umsetzt und welche Vorteile er mit sich bringt.

Was ist Vulnerable Leadership (VL) und weshalb wird dieser Führungsstil immer wichtiger?

Unsere Lebenswelt stellt uns immer wieder vor neue Ungewissheiten: Krieg, Pandemie, Naturkatastrophen, Klimakrise, Inflation. Diese Themen betreffen uns alle – sowohl im Privaten als auch im Beruflichen – und lassen negative Gedanken und Sorgen entstehen. Insbesondere angesichts der gerade angesprochenen Probleme galt bisher als Regel für Führungskräfte: stark sein, keine Fehler machen und bloß keine Schwäche zeigen. Doch diese Regel ist veraltet; effektiver und erfolgreicher – vor allem in Phasen der Unsicherheit oder des Wandels – ist Vulnerable Leadership (VL). Der Begriff Vulnerability (zu Deutsch „Verletzlichkeit“) ist vor allem durch die amerikanische Sozialpsychologin Brené Brown geprägt, die zu Themen des menschlichen Verhaltens wie Verletzlichkeit, Empathie oder Scham forscht. Verletzlichkeit in diesem Sinne umfasst insbesondere die Bereitschaft, mit Unsicherheiten, Risiken und Gefühlen offen umzugehen. Brown veröffentlichte im Jahr 2013 ihr Buch „Verletzlichkeit macht stark: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden“. Im ersten Moment scheinen sich die Begriffe Verletzlichkeit und Stärke gegenseitig auszuschließen. Weshalb das jedoch nicht der Fall ist, erfahren Sie im Folgenden.

Menschen haben Gefühle, keiner ist unbesiegbar und jederzeit frei von Sorge. Wer sich anderen gegenüber nicht als solch fühlender Mensch präsentiert, verstellt sich und schafft Distanz zu seinen Mitmenschen. Wer hingegen den Mut aufbringt und sich verletzlich zeigt, auch einmal zugibt, dass es gerade einfach mal nicht leicht, sondern wirklich herausfordernd ist, zeigt sich menschlich und somit authentisch. Verletzlichkeit in diesem Kontext ist also eng verbunden mit Ehrlichkeit, keinesfalls sollen Führungskräfte nach außen etwas mimen, das sie nicht sind. Verletzlichkeit bedeutet demnach Authentizität. Sowohl Brown als auch andere Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Mitarbeiter vulnerable Leaders einfacherer Vertrauen schenken können und die vielen anderen positiven Folgen von VL ein Unternehmen erfolgreicher machen.

Wie setzt man VL konkret um?

Wie oben festgestellt bedeutet VL offene und bewusste Auseinandersetzung mit Fehlbarkeiten, Unsicherheiten und Risiken. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, diese Auseinandersetzung in Ihrem Alltag zu einem festen Bestandteil werden zu lassen. Im Folgenden finden Sie eine Auswahl an konkreten Umsetzungsbeispielen:

Offen und somit authentisch mit Unsicherheiten umgehen

Mimen Sie in herausfordernden Situationen nicht den Unfehlbaren, sondern seien Sie Sie selbst. Ein oft genanntes Beispiel ist in diesem Kontext Arne Sorenson (CEO von Marriott), der seine Sorgen seinen Mitarbeitern zu Beginn der Corona-Pandemie mitteilte. Er verdeutlichte die Konsequenzen, die auf die Reise- und Hotelindustrie zukommen, und kämpfte dabei mit den Tränen.

Fragen Sie andere um Hilfe oder Rat, wenn Sie selbst nicht weiterwissen. Sie müssen als Führungskraft nicht alles wissen. Eine Form von Verletzlichkeit umfasst auch zu zeigen, dass Sie Hilfe benötigen. Das ist keinesfalls ein Anzeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil, es erfordert Mut und verdeutlicht Ihren Mitarbeitern, dass Sie ein Auge für die Arbeitsbelastung haben und die Meinung Ihres Teams schätzen.

Motivieren Sie Ihre Mitarbeiter dazu, um Hilfe zu fragen, wenn diese sie notwendig haben. Machen Sie deutlich, dass dies eine Möglichkeit ist, Probleme schneller zu lösen und gemeinsam eher ans Ziel zu kommen.

Stabil bleiben und Präsenz zeigen

VL als Führungskraft zu implementieren und zu leben, erfordert zunächst Mut. Denn wer sich verletzlich zeigt, bietet anderen auch immer eine gewisse Angriffsfläche. Aus diesem Grund ist es von großer Bedeutung, dass Sie Verletzlichkeit und Souveränität miteinander verbinden. Hierfür braucht es innere Stabilität, welche Sie beispielsweise durch eine achtsame Lebensführung erlangen können. Diese Stabilität gilt es nach außen zu tragen und präsent zu bleiben. Zeigen Sie sich verletzlich, bleiben Sie gleichzeitig aber auch präsent und souverän, indem Sie auf Augenhöhe mit Ihren Mitarbeitern agieren.

Die volle Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen

Kommunizieren Sie Ihre Gefühle offen, während Sie innere Stabilität demonstrieren. Hierbei müssen Sie jederzeit die Verantwortung für sich und Ihre Gefühle übernehmen. VL bedeutet nicht, dass Sie Schuldgefühle bei anderen auslösen oder gar Trost von Ihren Mitarbeitern erwarten. Denken Sie daran, dass Sie authentisch und damit Sie selbst bleiben sollen. Wenn Sie diese innere Stabilität noch nicht vollends aufgebaut haben, gilt es zunächst an dieser zu arbeiten, bevor Sie VL in Ihrem Unternehmen implementieren können.

Transparenz schaffen

Schaffen Sie angesichts von Herausforderungen Transparenz für Ihre Mitarbeiter. Holen Sie sie ins Boot. Stellen Sie Probleme oder Herausforderungen dar und ermöglichen Sie so eine Problemlösung im Kollektiv. Sie müssen nicht, weil Sie die Führungskraft sind, alles allein auf Ihren Schultern tragen.

Offen und regelmäßig kommunizieren

Zeigen Sie Interesse an Ihrem Gegenüber, indem Sie ihn als Menschen wahrnehmen und nicht nur als Mitarbeiter. Fragen wie beispielsweise „Ist alles gut bei Ihnen?“, „Läuft alles?“ und „Wie geht es Ihnen?“ führen meist zu automatisch abgerufenen Antworten „Ja, alles gut“, „Mir geht es gut, ich hoffe Ihnen auch?“. Doch das ist nicht die Art von Kommunikation, die offen ist und somit eine authentische zwischenmenschliche Beziehung fördert. Verändern Sie Ihre Fragetechnik! Formulieren Sie offene Fragen, auf die Ihr Gegenüber nicht mit Ja oder Nein antworten kann oder Automatismen abruft. Beispiele für solche Fragen können sein:

  • „Was hat Sie heute begeistert?“
  • „Was hat Sie heute beschäftigt?“
  • „Wie haben Sie sich heute im Meeting gefühlt?“
  • „Welche Gedanken haben Sie heute nach dem Meeting gehabt?“
  • „Mit welchem Gefühl beenden Sie Ihren Arbeitstag/starten Sie den Tag?“

Genau und aufmerksam zuhören

Wichtig ist nicht nur die richtige Formulierung der Frage, sondern im Anschluss daran ist es von größter Bedeutung, dass Sie genau und aufmerksam zuhören. Fokussieren Sie sich auf Ihr Gegenüber. Nur wenn Sie wissen, was Ihre Mitarbeiter umtreibt, wie sie denken und was sie fasziniert, können Sie darauf reagieren.

Besser zuzuhören, gilt es jedoch nicht nur in Situationen, in denen Sie eine Frage gestellt haben. Treten Sie auch einmal in den Hintergrund, halten Sie sich in einem Meeting zurück und geben Ihren Mitarbeitern Raum zur Entfaltung und damit zum Reden. Insbesondere wenn Sie als Führungskraft es gewohnt sind, den Ton anzugeben, wird es Ihnen schwer fallen, in den Hintergrund zu treten. Hier bedarf es etwas Übung, um diesen Schritt gehen zu können. Doch es lohnt sich!

Sich in andere hineinfühlen

Fühlen Sie sich in andere hinein, versuchen Sie, Ihr Gegenüber zu verstehen. Gehen Sie empathisch in Gespräche mit Ihren Mitarbeitern. Schnell kann es bei Ihnen zu einer negativen Stimmung kommen, wenn die Arbeit eines Teammitglieds zu wünschen übrig lässt oder dieses durch eine Reihe von Fehlern auffällt. Zeigen Sie Empathie, indem Sie auf Ihren Mitarbeiter zugehen und fragen, was gerade los ist oder ob Sie helfen können. So vermeiden Sie Frust Ihrerseits und können Unterstützung bei der Lösung des Problems leisten.

Ein Bewusstsein für sich selbst schaffen

Um sich verletzlich zeigen zu können und somit die Bereitschaft an den Tag zu legen, mit eigenen und kollektiven Fehlbarkeiten offen umzugehen, muss man sich diese bewusst machen. Es ist also notwendig, dass Sie sich regelmäßig reflektieren. Mögliche Fragen in diesem Kontext sind beispielsweise:

  • Was verletzt/begeistert/beschäftigt mich?
  • Wie möchte ich mich gerade verhalten? Was hindert mich daran?
  • Warum reagiere ich auf bestimmte Situationen so, wie ich es tue? Bin ich mit diesen Reaktionen zufrieden?
  • Was gelingt mir gerade gut, was weniger?
  • Wo brauche ich Hilfe?

Sich als Mensch zeigen

Sie sind Führungskraft, zugleich nehmen Sie aber auch andere Rollen ein, so sind Sie unter Umständen auch noch: Sohn/Tochter, Ehemann/Ehefrau, Vater/Mutter, Onkel/Tante, Freund, Jugendtrainer etc.

Zeigen Sie auch einmal eine Facette einer anderen Rolle, indem Sie sich authentisch als fühlender Mensch präsentieren. Erzählen Sie im passenden Kontext vom Klavier-Vorspiel Ihres Sohnes oder der letzten Fahrradtour mit Ihrem Partner.

Andere als Menschen sehen

Aus Human Resources muss Human Relations werden.

Beginnen Sie, Ihre Mitarbeiter nicht mehr als Ressourcen, sondern als verletzbare, fühlende, individuelle Menschen zu sehen. Nutzen Sie zwischenmenschliche Beziehungen, um sich selbst zu reflektieren, von anderen zu lernen und sich so weiterzuentwickeln. Aspekte, die bisher im Business-Bereich als Schwäche angesehen wurden (Fehler, Gefühle, Schwächen etc.) werden zu Alltäglichkeiten, wenn Sie Ihr Gegenüber als das sehen, was er ist: ein verletzbarer Mensch.

Achten Sie schon bei der Auswahl Bewerbern darauf, wie diese im sozialen Miteinander agieren und ob sie offen dafür sind, ihre Emotionen konstruktiv einzusetzen, um persönliches Wachstum zu fördern.

Positive Gefühle fördern

VL bedeutet, offen mit Gefühlen umzugehen. Das bedeutet auch, positiven Emotionen regelmäßig angemessenen Raum zu geben. Sorgen Sie für Optimismus, Spaß und Lebensfreude und leben Sie diese als Chef vor. Das kann auf vielerlei Art und Weisen geschehen:

  • Zeigen Sie sich als Mensch (siehe oben) und erzählen von einer lustigen Aussage Ihrer kleinen Tochter.
  • Lachen Sie über sich selbst, wenn Ihnen mal ein Fauxpas passiert.
  • Organisieren Sie gemeinsame Events, bei denen positive Gefühle aufkommen und gefördert werden.

Welche Vorteile hat VL?

Verletzlichkeit schafft insbesondere Verbundenheit und diese äußert sich in vielfältiger Art und Weise positiv in Ihrem Unternehmen. Vorteile von VL sind vielfältig und lassen sich in zwei Bereiche gliedern: Zum einen die Vorteile für Ihre Mitarbeiter und damit das gesamte Unternehmen und zum anderen die Vorteile, die sich für Sie selbst als vulnerable Leader ergeben. Zu den Vorteilen für Ihre Mitarbeiter und das gesamte Unternehmen zählen unter anderem:

  • Gesteigertes Vertrauensniveau
    Durch einen VL ermöglichen Sie Ihren Mitarbeitern, Sie als Mensch zu sehen, da sie Ihre verletzliche und damit authentische Seite kennenlernen. So ist es für Ihre Mitarbeiter erheblich leichter, auch mit Ihnen offen zu kommunizieren und ehrlich zu sein.
  • Produktivere und innovativere Zusammenarbeit
    Wenn Sie Ihren Mitarbeitern vorleben, dass man seine Schwächen zeigen kann, es normal ist, nach Hilfe zu fragen, und Fehler jedem unterlaufen können, ermöglichen Sie eine positive Arbeitsatmosphäre. Diese ist von einer positiven Fehlerkultur geprägt, so können Probleme schneller gelöst werden. Wenn Sie Ihren Mitarbeitern des Weiteren den Raum geben, sich zu entfalten, sich selbst als Führungskraft zurücknehmen und Ihrem Team gut zuhören, können Sie aus der Kraft des Kollektivs schöpfen und von innovativeren Ideen profitieren.
  • Mutigere und selbstbewusste Mitarbeiter
    Wenn Sie Ihre Mitarbeiter um Rat fragen, bringen Sie ihnen damit Wertschätzung entgegen. Sie zeigen ihnen, dass ihre Meinung und Gedanken gefragt und wertvoll sind. Hierdurch steigt das Selbstbewusstsein Ihres Teams und Sie schaffen so eine Arbeitsatmosphäre, in der sich Ihre Mitarbeiter trauen, Herausforderungen oder Risiken mutig und kreativ entgegenzutreten.
  • Förderung des Verantwortungsbewusstseins
    Sie zeigen Ihren Mitarbeitern, dass ihr Rat gefragt ist, dass ihre Stimme Gewicht hat. Ihre Mitarbeiter entwickeln so ein höheres Verantwortungsbewusstsein für Dinge, die Ihnen übertragen werden. Hierdurch wird auch die Identifikation mit dem Unternehmen erhöht und die Fluktuation auf einem niedrigen Level gehalten, was in Zeiten des Fachkräftemangels von enormer Bedeutung ist.
  • Steigerung der emotionalen Intelligenz und damit des kollektiven Wohlbefindens
    Verletzliches Führen heißt empathisch handeln. Sie agieren als Vorbild für Ihre Mitarbeiter und sorgen durch Ihr Handeln auch dafür, dass Ihre Belegschaft empathischer und mitfühlender miteinander umgehen kann. Hierdurch wird die emotionale Intelligenz gesteigert.
  • Gesteigertes Engagement
    Selbstbewusste Mitarbeiter, die Vertrauen zu Ihnen haben, sich wertgeschätzt und an ihrem Arbeitsplatz wohl fühlen sind meist bereit, mehr zu leisten und sich noch stärker für das Unternehmen einzusetzen.
  • Steigerung der psychologischen Sicherheit
    Psychologische Sicherheit umfasst das Ausmaß an Gewissheit, das Teammitglieder verspüren, wenn es darum geht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, Fehler zuzugeben sowie untereinander Verletzlichkeit und Unsicherheiten zu offenbaren. Ein hohes Maß an psychologischer Sicherheit fördert eine selbstorganisierte, motivierte und innovative Arbeitsweise und sind Grundvoraussetzungen für Agilität.
Die Vorteile von VL für Mitarbeiter und Unternehmen

Abgesehen von den Vorteilen, die VL für das gesamte Unternehmen und damit auch letztlich für Sie als Führungskraft mitbringt, sind auch noch folgende Vorteile für den Leader zu benennen:

  • Steigerung der Selbstwirksamkeit
    Durch VL können Sie Ihr Team besser unterstützen. Sie erfahren schneller, wo es hakt und können dementsprechend schneller gegensteuern.
  • Mehr Zeit und Kraft für die eigentlichen Aufgaben
    Sie können Sie selbst sein, Sie müssen sich nicht krampfhaft verstellen und in schwierigen Zeiten die Form wahren. Diese gesparte Kraft können Sie an anderer Stelle sinnvoller einsetzen.
  • Überarbeitung vorbeugen
    Mit VL können Sie Verantwortung auch einmal abgeben und sich bei Schwierigkeiten Hilfe holen, ohne das Gesicht zu verlieren. Auf diese Weise tun Sie auch etwas für Ihre Gesundheit.

Vorteile von VL für Führungskräfte

Wie implementiert man VL?

Vulnerable Leadership kann man nicht einfach über Nacht umsetzen, nehmen Sie sich ausreichend Zeit. Machen Sie kleine Schritte und reflektieren Sie die jeweiligen Schritte sorgfältig, bevor Sie einen weiteren machen. Auch gibt es nicht die eine erfolgreiche Strategie. VL sieht aufgrund der Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen nicht in jedem Unternehmen gleich aus. Deshalb muss ein individueller verletzlicher Führungsstil gefunden werden, der sowohl zu Ihnen als auch zu Ihren Mitarbeitern und der Unternehmensphilosophie passt. Um ihren eigenen verletzlichen Stil zu finden, könnten Sie so vorgehen:

  1. Eine umfassende Selbstreflexion ist wichtig, bevor Sie beginnen, VL in die Praxis umzusetzen: Führen Sie sich zunächst genau vor Augen, wer Sie sind, was Sie ausmacht, welche Stärken und Schwächen Sie haben etc.
  2. Denken Sie daran, dass eine innere Stabilität eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass man VL erfolgreich durchführt. Müssen Sie diese erst noch erlangen?
  3. Probieren Sie einzelne Aspekte von VL aus, also üben Sie, verletzlich zu sein. Es ist jedoch zunächst schwer, die passende Balance zu finden. Eine zu große Offenheit und das übermäßige Teilen persönlicher Informationen können auch negative Effekte haben. Ihre Mitarbeiter könnten sich unwohl fühlen und zurückschrecken. Aus diesem Grund gilt auch hier die Regel: Übung macht den Meister. Schaffen Sie sich einen sicheren Rahmen, in dem Sie üben können, verletzlich zu sein. Hier könnte beispielsweise eine Gruppe von Freunden oder anderen Führungskräften Ihres Unternehmens von Nutzen sein.

Gründe für das Scheitern

Wie gerade angemerkt, kann der Versuch, verletzlich zu führen, auch nach hinten losgehen. Das sollten Sie unbedingt vermeiden, wenn Sie VL ausüben möchten:

  • fehlende Authentizität
    Ihr Team wird in den meisten Fällen rasch bemerken, ob die gezeigte Verletzlichkeit echt ist oder nur vorgetäuscht wird. Mit Schauspielerei kommen Sie nicht zum gewünschten Erfolg. Zudem bedeutet es auch Mut, sich verletzlich zu zeigen. Gehen Sie nur so weit, wie es zu Ihnen passt. Es wird Ihnen nicht guttun, wenn Sie Ihre eigens gesteckte Komfortzone zu weit verlassen.
  • Übertriebene Emotionalität
    Es ist ebenso kontraproduktiv, Emotionen dauerhaft und ungehemmt auszudrücken. Ein solches Verhalten ist nicht angebracht, weder in Freundschafts- noch in Liebesbeziehungen – ganz zu schweigen vom beruflichen Kontext. Finden Sie also adäquate Grenzen für Ihre Verletzlichkeit am Arbeitsplatz.
  • Übergriffigkeit
    Lassen Sie Nähe zu, ohne distanzlos zu werden. Noch immer befinden Sie sich im beruflichen Kontext. Manche Fragen oder Themen sind einfach nicht angebracht. Finden Sie einen angemessenen Grad an Nahbarkeit, sodass Ihre Mitarbeiter sich wohlfühlen.
  • Verletzlichkeit als Manipulation
    Gefühle einsetzen, um seine Mitarbeiter zu manipulieren, ist ein absolutes No-Go und hat mit VL nichts zu tun. Drücken Sie nicht auf die Tränendrüse, um Ihren Willen durchzusetzen oder ein festgelegtes Ziel zu erreichen.
  • Verletzlichkeit in einer Mobbing-Kultur zeigen
    Sich verletzlich in einem Arbeitsumfeld zu zeigen, das von Neid, Missgunst, Mobbing und einer Ellenbogenmentalität geprägt ist, kann fatale Folgen nach sich ziehen. Machen Sie sich selbst nicht zum Opfer, sondern überlegen Sie genau, ob VL in Ihrem Unternehmen überhaupt zielführend sein kann. Ist das nicht der Fall, unterstützen wir Sie gerne dabei, geeignete Lösungsstrategien für ein positives Miteinander zu finden.

Über den Autor - Sebastian Wächter

Sebastian Wächter hat als 18-Jähriger die radikalste Veränderung seines Lebens erfahren. Er stürzt beim Wandern und bricht sich das Genick. Seitdem sitzt er im Rollstuhl - er ist querschnittsgelähmt und kann weder seine Beine noch seine Finger bewegen. Auch ein Großteil seiner Armmuskulatur ist gelähmt. Dennoch gelingt es ihm, sich ein eigenständiges Leben und seine Selbstständigkeit zurückzuerobern. Er hat über Jahre ein Mindset entwickelt, durch das er es geschafft hat, große Herausforderungen zu meistern und ein erfolgreiches Leben zu führen. Die Grundlage hierfür war allerdings ein langer Weg zur Akzeptanz seines Schicksals, erst hierdurch startete seine erfolgreiche Veränderung. Heute ist Sebastian Keynote Speaker und gibt Unternehmen Impulse, wie aus Veränderung auch Fortschritt werden kann. Er wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet und gehört zu den "Top-100-Speakern" von Speakers Excellence. Ebenso unterstützt er als Coach Privatpersonen im Umgang mit Veränderung. Sein neues Buch trägt den Titel „Change Mindset“.

Fazit

In unserer Welt, die immer dynamischer und komplexer wird (Lesen Sie auch unseren Artikel zum Thema Dynaxität) und die uns vor viele Unsicherheiten stellt, ist Agilität gefragt. Die fähigsten Führungskräfte zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre eigenen Grenzen erkennen und auch den Mut aufbringen, diese offen zu kommunizieren. Auf diese Weise ermöglichen sie es, dass sowohl Ihr eigenes Potenzial als auch das Ihrer Teammitglieder bestmöglich entfaltet und so genutzt werden kann. Es zahlt sich aus, wenn eine Führungskraft den Mut aufbringt, aufrichtige und offene Beziehungen zu anderen aufzubauen. So kann von den vielfältigen Vorteilen von VL profitiert werden.

„Emotionen können im Weg stehen oder dich auf den Weg bringen.“ (Mavis Mazhura)

Wann wollen Sie VL in Ihrem Unternehmen etablieren und von den vielen Vorzügen dieses Führungsstils profitieren?

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