Von VUKA zu BANI
Wer einen Tag lang intensiv die Nachrichten verfolgt, kann das Gefühl bekommen, es gehe uns heute so schlecht wie noch nie. Und in Zukunft wird wohl alles noch schlimmer werden. Doch dieser Eindruck trügt. Unser Gehirn spielt uns einen Streich. Die meisten Menschen beurteilen den Zustand der Welt grundsätzlich negativer, als er tatsächlich ist. Unser Gehirn verarbeitet negative Informationen schneller, besser und intensiver als positive. “Negativity Bias” ergibt aus wissenschaftlicher Sicht durchaus Sinn - es verschafft aus evolutions-psychologischer Betrachtungsweise einen Überlebensvorteil. Im alltäglichen Leben jedoch ist dieser negative Fokus kontraproduktiv. Wir sind chronisch gestresst und fühlen uns dauerhaft im Krisenmodus.
Nüchtern betrachtet ist die Welt aber schon immer herausfordernd und komplex. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es dafür sogar einen Begriff: VUKA. VUKA beschreibt die sich ständig verändernden Anforderungen und Rahmenbedingungen unserer Umwelt. Diese Abkürzung stammt ursprünglich vom "US Army War College”. Es hatte den Zweck, sich nach dem Kalten Krieg neu zu sortieren. Im Laufe der Zeit wurde es zu einem Programm für Management- und Unternehmensstrategien weiterentwickelt. So sollten Instrumente für das agile Arbeiten und Denken in einer vernetzten, digitalen Zukunft geschaffen werden. VUKA galt in den letzten Jahren als wesentliches Modell für Unternehmen, um sich weitgehend an strukturelle Herausforderungen anzupassen.
Das neue 21. Jahrhundert jedoch ist von Umwandlungen und Systemkrisen geprägt. Zusammenhänge sind kaum noch erkennbar, Wechselwirkungen sind nicht sichtbar und Folgen werden unberechenbar. Oft erscheint die Lage chaotisch. Erhöhte Cyberrisiken, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die Klimakrise und eine uneinheitliche globale Erholung nach den Pandemie-Zeiten sind die größten globalen Risiken.
So blicken Unternehmen wie auch Privatleute zunehmend pessimistisch in die Zukunft. Häufig ist dies auch mit der Sorge um Leben und Lebensunterhalt verbunden. Kaum war VUKA die mühsam erlernte Realität, scheint dieses Konzept den dynamischen Entwicklungen nicht mehr standzuhalten.
Welche Lehren ziehen Unternehmen und Organisationen aus Krisen? Inwiefern helfen diese Erkenntnisse, Risiken langfristig zu erkennen und sich vorzubereiten, um rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu treffen? Diese Fragen werden in Zukunft entscheidend sein.
BANI - der neue Weg aus einer chaotischen Welt
Das BANI-Modell ist ein relativ neues Konzept, das als Reaktion auf die Limitierungen des bekannten VUKA-Modells (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität) entwickelt wurde. Es stammt von dem amerikanischen Zukunftsforscher Jamais Cascio. Im April 2020 erschien zum ersten Mal der Begriff BANI in einem Artikel auf der frei zugänglichen Blog-Plattform “Medium”.
Der Begriff BANI steht für Brittle (brüchig), Anxious (ängstlich), Non-linear (nicht-linear) und Incomprehensible (unverständlich). Es beschreibt eine Welt, die nicht nur instabil, sondern auch schwer vorhersehbar und häufig nicht mehr mit bekannten Mitteln steuerbar ist.
BANI bietet einen neuen Rahmen, um die Herausforderungen unserer Zeit besser zu verstehen und angemessen auf sie zu reagieren – sei es in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder persönlicher Lebensgestaltung. Es fordert ein Umdenken im Umgang mit Krisen, Veränderungen und Entscheidungsprozessen und legt den Fokus auf Resilienz, emotionale Intelligenz, Vernetzung und neue Formen der Führung.
BANI - die Definition
Die Abkürzung BANI setzt sich aus folgenden Adjektiven zusammen:
Brittle - brüchig:
Spröde und abgenutzte Dinge und Gegenstände, die nicht elastisch sind, können brechen. Ebenso nach außen stark wirkende Systeme, die im Inneren aber morsch und schwach sind. Brittle steht für eine angebliche Stärke, die aber eigentlich nicht mehr vorhanden ist. Möglicherweise gehört diese Stärke sogar schon länger der Vergangenheit an.
Anxious - ängstlich:
Angst entsteht aus dem Empfinden, keine richtige Entscheidung treffen zu können. Oder vielmehr noch, mit jeder Entscheidung eine Katastrophe auslösen zu können. Diese Angst kann Personen schnell zur Verzweiflung bringen bzw. in die Passivität treiben. Diese Negativspirale wird zusätzlich durch die von Algorithmen getriebene und schnelllebige Medienwelt unterstützt.
Non-linear - nicht linear:
Nonlinearität bedeutet, dass die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung nicht mehr gegeben sind. Aktion und Reaktion passen nicht mehr zusammen. Selbst kleine Aktionen können gravierende Reaktionen - mit positiven oder negativen Ausprägungen - auslösen. Der Ausgang dieser Reaktionen ist jedoch immer schlecht vorhersehbar.
Incomprehensible - unfassbar:
Bei der heutigen Informationsflut ist das Rauschen vom Signal kaum mehr zu unterscheiden. Entscheidungen oder Ereignisse sind in einer unbegreiflichen Welt nicht mehr nachvollziehbar. Möglicherweise liegen die Ursachen hierfür schon zu weit zurück. Oder sie sind einfach zu komplex, um korrekt eingeordnet zu werden. Sogar ein Mehr an Informationen garantiert hier kein besseres Verständnis.
Heutige Probleme sind also weder einfach, noch kompliziert oder komplex. Heutige Probleme sind als chaotisch zu verstehen:
Ein einfaches Problem erzeugt ein klares, eindeutiges Handeln.
Ein kompliziertes Problem setzt voraus, dass die Situation vor dem Handeln analysiert wird.
Ein komplexes Problem erfordert vor dem Handeln eine Sondierung. Das bedeutet, mögliche Lösungsansätze müssen ausprobiert werden.
Im Chaos bedarf es jedoch erst einer Stabilisierung der Situation. Im Anschluss kann das Problem verstanden und dementsprechend gehandelt werden.
BANI im privaten Bereich
Unsere Welt verändert sich rasant - auch im privaten Alltag. Ob plötzliche Veränderungen im Job, globale Krisen, soziale Unsicherheit oder die ständige Informationsflut: Viele Menschen erleben ihren Alltag als unberechenbar, überfordernd und schwer planbar.
Das BANI-Modell bietet auch im privaten Bereich einen neuen Blickwinkel, um diese Herausforderungen zu verstehen – und bewusst darauf zu reagieren.
Brittle (brüchig):
Was früher als stabil galt – Beziehungen, Karrieren, Routinen – kann heute schnell zerbrechen. Deshalb wird persönliche Resilienz immer wichtiger. Wer lernt, flexibel zu bleiben und nicht an starren Strukturen festzuhalten, kann auch mit Brüchen im Leben besser umgehen.
Anxious (ängstlich):
Dauerhafte Unsicherheit erzeugt Stress und Ängste. Im privaten Bereich heißt das: Achtsamkeit, mentale Gesundheit und Selbstfürsorge gewinnen an Bedeutung. Wer sich regelmäßig Pausen gönnt, bewusst lebt und seine eigenen Grenzen kennt, kann mit Ängsten konstruktiver umgehen.
Non-linear (nicht-linear):
Lebensverläufe folgen heute selten einem geraden Weg. Unerwartete Wendungen gehören dazu. Statt sich über vermeintliche „Umwege“ zu ärgern, hilft es, offen für neue Chancen zu bleiben und eigene Ziele immer wieder neu zu justieren.
Incomprehensible (unverständlich):
Vieles erscheint heute unlogisch oder kaum noch erklärbar – sei es das Verhalten anderer Menschen oder gesellschaftliche Entwicklungen. Im Privaten bedeutet das: Akzeptieren, dass man nicht alles verstehen kann – und trotzdem handlungsfähig bleibt. Empathie, Vertrauen und der Austausch mit anderen können helfen, Unverständliches besser zu verarbeiten.
Das BANI-Modell ist damit nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern eine Einladung zur Selbstreflexion. Es fordert uns auf, im Privaten neue Wege zu finden, um mit Unsicherheit, Wandel und Komplexität umzugehen – mit mehr Gelassenheit, Flexibilität und Menschlichkeit.
Strategien für den Umgang mit BANI in Unternehmen
Unternehmen, Organisationen und Führungskräfte müssen, um in einer von BANI geprägten Welt erfolgreich agieren zu können, gezielte Strategien entwickeln. Strategien, die auf Anpassungsfähigkeit, Stabilität und Flexibilität abzielen.
1. Vertrauen aufbauen
- Emotionale Intelligenz der Führungskräfte stärken, um so besser auf die Sorgen und Ängste der Mitarbeiter eingehen zu können.
- Vertrauen innerhalb des Teams und zwischen Führungskräften und Mitarbeitern fördern.
- Einen sicheren Rahmen schaffen, in dem sich der Einzelne entfalten kann und Fehler als Teil des Lernprozesses akzeptiert werden können.
2. Resilienz stärken
- Robuste Prozesse und Strukturen aufbauen, die auch bei plötzlichen Veränderungen beständig bleiben.
- Eine widerstandsfähige Unternehmenskultur fördern, die Mitarbeitern Sicherheit gibt.
3. Den Fokus auf Klarheit lenken
- Prozesse vereinfachen und Ziele klar priorisieren, um in einer undurchsichtigen Umgebung den Überblick zu behalten.
- Um Unsicherheiten zu reduzieren, auf transparente Kommunikation von Strategien und Entscheidungen setzen.
- Technologien und Datenanalysen einsetzen, um so bessere Einblicke in komplexe Systeme zu erhalten.
4. Agilität fördern
- Teams in agilen geschickten Methoden schulen, um so schneller auf komplexe und instabile Verhältnisse reagieren zu können.
- Flexible Entscheidungs- und Arbeitsmodelle einführen. Diese können dann schnelles Handeln ermöglichen.
- Um Hindernisse frühzeitig zu erkennen, auf offene Kommunikation innerhalb der Organisation setzen.
5. Kontinuierliche Weiterentwicklung betreiben
- Innovationen und Kreativität fördern, um so neue Lösungen für vielschichtige Probleme zu finden.
- Eine Unternehmenskultur aufbauen, die auf Anpassungsfähigkeit und lebenslanges Lernen setzt.
- In die Entwicklung von Kompetenzen und in Weiterbildung investieren. Für die Herausforderungen der BANI-Welt sind diese Investitionen entscheidend.
6. Nachhaltigkeit als Leitlinie
- Nachhaltige Maßnahmen integrieren, um sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Stabilität sicherzustellen.
- Langfristig planen und dabei globale Herausforderungen und Klimakatastrophen berücksichtigen.
- Strategien entwickeln, die nicht nur auf den Unternehmenserfolg abzielen. Solche Strategien müssen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Der Umgang mit der BANI-Welt erfordert Flexibilität, Resilienz und Klarheit. Um den Herausforderungen von Unsicherheit, Mehrdeutigkeit, Instabilität und Komplexität erfolgreich begegnen zu können, brauchen Organisationen starke Strukturen und bewegliche Prozesse. So können sich Unternehmen für eine nachhaltige und erfolgreiche Zukunft aufstellen.
Über die Autorin - Vera Krisch
Vera Krisch ist Mitgründerin von Barrierefrei im Kopf und seit über 10 Jahren in der Online Marketing Branche tätig. Sie bekleidet aktuell eine Führungsposition in einer erfolgreichen Agentur, teilt ihr Wissen im BiKmagazin mit den Lesern und gibt Tipps für die Praxis.
Schwierigkeiten in der Umsetzung
Einige Unternehmen haben bereits angefangen, sich für die Risiken der BANI-Welt zu rüsten. Eine Umfrage vom F.A.Z-Institut und von Sopra Steria ergab, dass jeder zweite Anbieter in der produzierenden Industrie bereits mit zusätzlichen Lieferanten zusammenarbeitet und Abhängigkeiten dadurch verhindert.
Viele Unternehmen sorgen auch für mehr interne Kommunikation, vergrößern ihre Handlungsspielräume, erweitern psychologische Angebote, stärken die innerbetriebliche Fehlerkultur und bauen ihre Weiterbildungsmöglichkeiten aus.
Doch sie stoßen dabei auch schnell an Grenzen. Aus einem ganz einfachen Grund: Es fehlt an Personal. Die unbeabsichtigte Folge des Fachkräftemangels: radikale Effizienz.
Möglicherweise sind es jedoch gerade die Schwächen des stabilen Ist-Zustandes, die Organisationen am besten auf BANI vorbereiten. Wer mit seiner bisherigen Sichtweise an Grenzen stößt, wird zwangsläufig nach ganz anderen Lösungen suchen müssen.
Albert Einstein soll gesagt haben "Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos”. Ordnung wird aber immer ihren Platz im Unternehmen behalten und nicht jeder ist ein Genie. Die Angst vor dem Chaos gefährdet jedoch und lähmt Unternehmen.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Unberechenbarkeiten zu akzeptieren, Resilienz, Zuversicht und Flexibilität im Umgang mit den Folgen lassen sich gut erlernen. Hilfreich hierbei kann es sein, die Unterstützung eines externen Coaches zu suchen.
Fazit
Das BANI-Modell hilft Organisationen, Unternehmen und Privatleuten, sich realistisch auf die Komplexität der heutigen Welt einzustellen. Entscheidend, um Resilienz aufzubauen, ist es, aus vergangenen Krisen zu lernen.
Die Herausforderung besteht darin, dass BANI ein Umdenken erfordert. Tiefgreifende Veränderungen bei Betriebsabläufen, in der Organisationskultur und in der Lebensplanung von Privatleuten werden notwendig.
BANI ist somit ein wertvolles Tool für Menschen, um in einer komplexen Welt voller Unsicherheiten effektiv navigieren zu können.
Durch das Verständnis seiner Prinzipien und durch deren Anwendung können Organisationen sowie Privatpersonen anpassungsfähiger und resilienter werden: Eine wertvolle Hilfe, um auch in turbulenten Zeiten erfolgreich zu sein.